Christoph Merker - Kunst für das Leben
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Wer fühlt, den friert´s

Herrliches Wetter haben wir. Sonnenschein, glitzernder Schnee und blauer Himmel - sagen die einen. Die anderen jammern über die Kälte und wickeln sich noch einen Schal um den Hals. Mit dauergefrorenen Eisfüßen stapfen sie durch den Tag und beklagen ihr kaltes Leid. Denn neben den Minusgraden kommt ja noch die gefühlte Kälte hinzu und dann ist man schnell bei sibirischen Temperaturen angelangt. Während die einen die kalte Luft genüsslich einsaugen und mit einem "Herrlich frisch" loslegen, klammer die anderen sich an die Heizung oder schlagen ihre Zelte auf dem Kachelofen auf.
Kurz gesagt, es gibt zwei Sorten von Menschen. Wie es der Zufall will sind diese, ganz pauschal gesagt, mit der Gruppe der Männer und der Gruppe der Frauen deckungsgleich. Emanzipation hin oder her, bei der Kälte brechen die alten Rollenbilder wieder über uns herein wie ein arktischer Tiefausläufer. Frauen frieren und Männern ist immer gleich zu heiß. Die täglichen Diskussionen in den Wohnzimmern über die Höhe der Raumtemperatur bestimmen im Winter das eheliche Gespräch. Die Frauen pochen auf ihr angestammtes Recht als Hausherrin auf die Verfügungsgewalt über den Thermostat. Hingegen denken die Männer an den Ölpreis und brechen dabei in Schweiß aus. Das ganze Phänomen lässt sich phylogenetisch, also von der Stammesgeschichte her, ganz leicht erklären. Während die Urzeitfrauen in der Höhle am warmen Feuer hockten, mussten die Männer in der eisigen Kälte das Mammut jagen. Klar, wer da mehr abhärtete. Männer fühlen die Kälte erst, wenn ihr Bier im Seidl festgefroren ist, während Frauen jedes Jahr einen neuen Wintermantel brauchen, weil der alte nicht mehr richtig wärmt. Die gefühlte Kälte fühlen die Frauen viel mehr als die Männer. Denn die haben es ja mit Gefühlen von Haus aus nicht so. Ein besonderer Punkt sind weibliche kalte Füße (was an sich ein Pleonasmus ist, so wie weißer Schimmel), denn Frauenfüße scheinen immer kalt zu sein. Besonders abends, wenn sie ins Bett gehen und ihre Frostzehen an ehegattliche Waden drücken. Das wird für jede Beziehung zur Belastungsprobe.
Da anzunehmen ist, dass jetzt Leserbriefe von nicht frierenden Frauen wie ein Schwall kalter Atlantikluft über die Redaktion hereinbrechen werden, sei zur Beruhigung und der Gleichberechtigung gesagt, dass auch Männer frieren - hin und wieder.

CGM