Christoph Merker - Kunst für das Leben
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Theater im Foyer

Die schönsten Stücke spielen im Foyer. Auf der unsichtbaren Bühne gibt es allerhand Komödien, Tragödien und so manche Dramolette zu sehen. Der erste Akt findet meistens an der Garderobe statt. Nur bei den Salzburger Festspielen gibt es einen wichtigen Prolog, der findet vor dem Festspielhaus statt. Es gibt immer einige Zaungäste, die nach den bekannten Gesichtern aus Funk und Fernsehen Ausschau halten. Leider müssen sie oft genug feststellen, dass sie nur ein paar Adabeis zu Gesicht bekommen haben. Bei Regen entfällt dieser Teil. Dafür spielen sich gleich am Anfang einige Dramen an der Garderobe ab. Denn im großen Spiegel gegenüber kontrollieren die Damen, ob sie ihr daheim so mühsam hergestelltes Aussehen auch heil durch den Regen bekommen haben. Wenn nicht, müssen unverzüglich in der Toilette erste Hilfsmaßnahmen eingeleitet werden. Währenddessen kommt es für die Herren, die ihre Mäntel abgeben wollen, zu ersten Bodychecks. Vielleicht ist es eine genetisch bedingte Eigenheit, dass Männer selbst an der Garderobe einen kleinen Wettkampf veranstalten.
Danach kommt der zweite Akt - Promenade durch das Foyer. Manchmal wird eine retardierende Szene eingelegt, wenn man feststellt, dass die Karten in der Manteltasche vergessen wurden. Nun heißt es sehen und gesehen werden was das Zeug hält. Die Frauen scannen die Menge um sicher zu sein, dass niemand sonst das gleiche Kleid anhat. Diese Peinlichkeit wird nur allzu begierig von dem Publikum aufgesogen. Festspiele sind für sie einfach die ideale Gelegenheit, endlich mal das neue Abendkleid auszuführen. Da nimmt man so eine Oper schon mal in Kauf. Erblondete Frauen flanieren mit ihren ergrauten Gatten umher. Man trinkt Sekt um in Stimmung zu kommen und um die vier Stunden, die einem bevorstehen, besser überstehen zu können. Manchem der Herren wäre ein Bier in der Kneipe um die Ecke lieber. Auch freuen sie sich nicht unbedingt auf diese Singerei, noch dazu wo sie das Länderspiel verpassen. Aber wenn die werte Gattin wünscht und schließlich ist man ja doch irgendwie gebildet. Müssen halt sein, diese Festspiele. Ein Programmheft ist Pflicht, damit man immer wieder mal nachschauen kann, was man gerade sieht. Auch lässt sich damit gut Luft in dem immer heißen Saal zufächern und kleine Gähner können auch dahinter versteckt werden. So promeniert die bessere Gesellschaft dieses Jahr, wegen des Umbaus des Festspielhauses, durch den nackten Beton des Foyers. Irritierende Blicke rufen die grünen Teppiche an der Wand hervor. Ist das Kunst, hat IKEA gesponsert oder gehört das so? Mehr Interesse zieht der bekannte Chefarzt auf sich, der dieses Jahr nicht mit seiner Ehefrau erschienen ist sondern mit etwas Jüngerem. Da hat man was zum Tuscheln bis weit in den ersten Akt hinein.
Wenn es zum ersten Mal gongt entsteht eine leichte Form der Panik und vom Herdentrieb mitgerissen strömen alle auf ihre Plätze. Alle? Nein. Sie können sicher sein, dass die Person, die genau in der Mitte ihrer Reihe hockt, ganz zuletzt kommt. Dies ist eines der wenigen Naturkonstanten, deren Erforschung noch aussteht. Dank der neueren Kommunikationstechnik gibt es jetzt vor jeder Aufführung das beliebte Spiel: Ist mein Handy auch wirklich aus? Dabei wird jemand seines wieder anstellt, das prompt in einer lyrischen Pianissimostelle zu klingeln anfängt. Dann kommt das Stück, das ist ja nicht weiter interessant. Schließlich kommt endlich der dritte Akt - die Pause.
Die Herren machen gute Miene zum bösen Spiel und lächeln konzentriert. Der Bodycheck vor der Bar muntert die meisten wieder etwas auf. Die Damen streichen ihre zerknitterten Rücke wieder glatt und gehen sich die Nase pudern. Es wird noch mehr Sekt getrunken um auch noch den Rest zu überstehen. In der Pause werden die ersten Kommentare zum Stück und der Inszenierung abgegeben. Dies ist ein heikler Moment. Eine falsche Bemerkung und sie sind als Ignorant bloßgestellt. Die wahren Kenner geben sich jetzt zu erkennen und mäkeln an einem wackeligen Fis im 12. Takt der vierten Szene. Das Flanieren fällt in der Pause eher hölzern aus, denn die engen und harten Sitze in der Felsenreitschule lassen an überfüllte Billigflieger denken. Verstohlen werden die Beine gedehnt und gestreckt und müde Steißbeine unauffällig massiert. Das Ende der Pause kommt gnadenlos. Fällt der Vorhang zum Schlussapplaus, beginnt der letzte Akt. Der heißt: Wer- ist-der-schnellste-an-der-Garderobe-und-aus-dem-Parkhaus-wieder-draußen. Dem Mitspieler werden einige Hindernisse in den Weg gestellt. Da ist der Opernliebhaber, der langsam dahinschlendert und die letzten Töne noch in sich nachklingen lässt und die Garderobenfrau, die Probleme mit Zahlen hat und den richtigen Mantel nicht findet. Schließlich gilt es die Tücke des Parkscheinautomaten zu meistern. Wer das als erster schafft, darf laut hupend am Festspielhaus vorbei fahren. Ein schöner Abend -wie hieß das Stück gleich wieder?

CGM